In einer Familie geschieht ein Mord. Wer trägt die Schuld? Derjenige, der ihn begeht, oder derjenige, der ihn sich gewünscht hat? Oder all jene, die ihn durch Ressentiments und Schweigen möglich gemacht haben? Über die Kriminalhandlung hinaus wirft Die Brüder Karamasow, der letzte Roman von F. M. Dostojewski, eine beunruhigende Frage auf: Welche Verantwortung tragen wir für unsere eigenen Entscheidungen und deren Folgen?
Auf der Bühne des Nationaltheaters „Radu Stanca“ Sibiu wendet sich der belgische Regisseur Luk Perceval erneut Dostojewskis Meisterwerk über Glauben und Zweifel, Schuld und das Bedürfnis, geliebt zu werden, zu. Es ist seine erste Inszenierung in Rumänien und zugleich die Rückkehr zu einem Roman, den er bereits 2013 am Thalia Theater in Hamburg auf die Bühne gebracht hat.
In einer Familie, die von einem gewalttätigen Vater und von Generation zu Generation weitergegebenen seelischen Verletzungen geprägt ist, versucht Aljoscha, weiterhin an das Gute in den anderen zu glauben. Er steht im Zentrum der von Luk Perceval geschaffenen Bühnenwelt. Anstatt seiner mystischen Berufung zu folgen und sich aus der Welt zurückzuziehen, ist er aufgerufen, sich in ihr Chaos zu begeben, um seine Brüder zu verstehen und sie vielleicht vor sich selbst zu retten. Seine Perspektive macht die Geschichte zu einem Zeugnis über Menschen, die geliebt, gefehlt, gelitten und andere verletzt haben, sich aber nicht auf ihre Taten reduzieren lassen. Aljoschas Glaube wird zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und mit der Unmöglichkeit, absolute Grenzen zwischen Schuld und Unschuld zu ziehen.