Ein junger Mann betritt das Haus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie. Er ist die Verkörperung der Schönheit selbst. Sein Kommen ist weniger ein Besuch als vielmehr eine Begegnung, die sich durch körperliche Besitznahme erfüllt. Die Dienstmagd Emilia, dann der Sohn der Familie, Pietro, die Mutter Lucia, die Tochter Odetta und der Vater Paolo – sie alle werden den Gast im biblischen Sinne erkennen. Doch was bleibt von der hinterlassenen Botschaft nach seinem plötzlichen Verschwinden? Wird allein die Dienstmagd Erlösung erfahren? Denn im Gegensatz zu den Bürgerlichen hat sie – so Pasolini – ihr Gewissen nicht durch die Seele ersetzt, noch die Moral durch das Heilige.
„Teorema handelt vom Fremden neben uns – ein wiederkehrendes Thema in meinen Projekten, und diese Erzählung war stets mein wichtigster Bezugspunkt bei der Analyse dieses Aspekts. Nach Katzelmacher von Fassbinder und Ein Blick von der Brücke von Arthur Miller, Texten, die dieses Thema des Anderen als Offenbarer von Identität sowie innerer und politischer Entdeckung tiefgehend erforschen, ist Teorema heute meine authentischste Geste im Versuch, Alterität im Hinblick auf alles zu erkunden, was aus dem Rahmen, aus der Norm, aus dem Konventionellen fällt. Mit diesem Text und durch die Adaption und Kontextualisierung der Dramaturgie von Yann Verburgh möchte ich die Folgen unterdrückter Begierde erforschen, die Dämonen, aber auch Identitätsenthüllungen weckt. Als Fabel einer neuen sexuellen Revolution will ich eine Aufführung über den Dialog zwischen Begehren und Selbstannahme schaffen. Der Besucher – dieses Objekt unmöglicher Begierde – wird zum Motor für das Auslösen tiefster und visceralster Empfindungen, Gefühle und Instinkte. Ausgehend vom Roman Pier Paolo Pasolinis werden sich Dramaturgie und Regiekonzept um eine zentrale Frage gruppieren: Wer ist der Fremde in mir? – als Spiegelung für jene, die sich von sich selbst entfremdet haben. Sind wir im Einklang mit dem, was wir sind? Kennen wir uns selbst? Haben wir die Freiheit, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen? Dies sind einige der Fragen, die wir dem Publikum mit diesem intimen und politischen Manifest stellen.“ – Eugen Jebeleanu, Regisseur.
„Es ist ein Schrei, der verkünden will,
in diesem unbewohnten Raum, dass ich existiere
oder nicht nur existiere,
sondern weiß. Es ist ein Schrei,
in dessen Tiefe der Unruhe
demütige Akzente der Hoffnung zu spüren sind:
oder ein Schrei der Sicherheit, vollkommen absurd,
in dessen Innerem rein die Verzweiflung widerhallt.
Wie auch immer – eines ist sicher:
Was auch immer dieser Schrei bedeuten will,
er ist dazu bestimmt, über jedes mögliche Ende hinaus zu bestehen.“
(Pier Paolo Pasolini, Teorema, 1968)
Über Eugen Jebeleanu
Nach dem Abschluss seines Schauspielstudiums an der UNATC – Bukarest sowie eines Masterstudiums in Regie und Dramaturgie in Paris widmete sich Eugen Jebeleanu der Theater-, Opern- und zuletzt auch der Filmregie. 2010 gründete er gemeinsam mit dem Dramatiker Yann Verburgh die „Compania 28“, später 2017 die „Cie des Ogres“, und arbeitete in den letzten Jahren mit den wichtigsten Theatern des Landes zusammen, darunter in Sibiu und Bukarest.
Zudem führte er Regie bei zahlreichen Inszenierungen auf Bühnen in Frankreich und Deutschland. 2017 inszenierte er Căpcăuni, ein Projekt, das von der Fédération d’Associations de Théâtre Populaire (FATP) ausgezeichnet wurde. Für die Aufführung Itinerarii. Într-o zi, lumea se va schimba (2019) erhielt er den Preis für die beste Regie bei der UNITER-Preisgala. Er arbeitete mit der Oper Lyon an Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart.
2020 gab er sein Filmregiedebüt mit dem Spielfilm Câmp de maci, der beim TIFF 2021 den Preis für die beste Regie erhielt und bei den GOPO-Preisen 2022 als bester Debütfilm ausgezeichnet wurde. 2022 wurde ihm vom französischen Kulturministerium der Titel Chevalier des Arts et des Lettres verliehen.
Über Yann Verburgh
Seine Stücke werden in Frankreich bei Quartett Editions und Solitaires Intempestifs veröffentlicht, in mehrere Sprachen übersetzt und aufgeführt, an der Comédie Française gelesen, auf France Culture gesendet, mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet und für Opern adaptiert.
Er schreibt Auftragswerke, insbesondere für die Centres Dramatiques Nationaux in Caen, Valence, Béthune sowie für den Départementrat von Seine-Saint-Denis, arbeitet als Dramaturg und Librettist mit der Oper Lyon zusammen und leitet gemeinsam mit Regisseur Eugen Jebeleanu die „Cie des Ogres“, die er als Autor und Dramaturg bei ihren Produktionen begleitet.
2020 schloss er ein berufsbegleitendes Masterstudium Drehbuch an der Fémis – École nationale supérieure des métiers de l’image et du son – ab und arbeitete seither mit Apaches Films als Autor und Regisseur an seinem ersten Kurzfilm Riad, der in offiziellen Wettbewerben auf dreißig Filmfestivals in Europa und Nordamerika gezeigt und ausgezeichnet wurde.
In den letzten Jahren arbeitete er als Autor in Frankreich und der Schweiz u.a. mit Munstrum Théâtre und Lionel Lingelser, Richard Brunel, Frédéric Fisbach, Olivier Letellier und dem Collectif sur un Malentendu zusammen. Seine Stücke stehen auf den Spielplänen des Théâtre de la Ville Paris, des Théâtre du Rond-Point, des Théâtre National de Bretagne, des Théâtre des Célestins in Lyon, der Comédie de Genève u.a.
Die Aufführung enthält Nacktheit, Gewalt und explizite Sprache.