Internationale Botschaft zum Welttheatertag 2026 – 27. März

Internationales Theaterinstitut ITI - Weltorganisation für die Darstellenden Künste

Der Welttheatertag wurde 1961 vom Internationalen Theaterinstitut ITI ins Leben gerufen. Er wird jedes Jahr am 27. März von den ITI-Zentren und der internationalen Theatergemeinschaft gefeiert. Zu diesem Anlass werden zahlreiche nationale und internationale Theaterveranstaltungen organisiert. Eine der wichtigsten ist die Verbreitung der Botschaft zum Welttheatertag, durch die auf Einladung des ITI eine Persönlichkeit von weltweiter Bedeutung ihre Gedanken zum Thema Theater und Kultur des Friedens teilt. Die erste Botschaft zum Welttheatertag wurde 1962 von Jean Cocteau verfasst.

Der Autor der Internationalen Botschaft zum Welttheatertag 2026 ist der Schauspieler Willem DAFOE, derzeit Künstlerischer Leiter der Theatersparte der La Biennale di Venezia und eines der Gründungsmitglieder der legendären Truppe The Wooster Group.
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Ich bin vor allem als Filmschauspieler bekannt. Doch meine Wurzeln liegen tief im Theater. Von 1977 bis 2003 war ich Mitglied der Wooster Group, entwickelte und spielte originale Stücke im Performing Garage in New York und ging mit ihnen auf Tourneen in der ganzen Welt. Ich habe außerdem mit Richard Foreman, Robert Wilson und Romeo Castellucci gearbeitet. Heute bin ich Künstlerischer Leiter der Theaterbiennale von Venedig. Diese Ernennung, alles, was derzeit in der Welt geschieht, und mein Wunsch, wieder auf die Bühne zurückzukehren, haben meinen Glauben an die einzigartige, positive Kraft und die lebenswichtige Bedeutung des Theaters bestärkt.

In meinen frühen Jahren bei der Wooster Group hatten wir bei unseren Aufführungen in New York manchmal nur sehr wenige Zuschauer. Die Regel war einfach: Wenn mehr Darsteller auf der Bühne standen als Zuschauer im Saal, konnten wir die Vorstellung absagen. Doch das haben wir nie getan. Viele von uns hatten keine formale Theaterausbildung; wir waren Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen, die zusammenkamen, um gemeinsam etwas zu erschaffen. Daher war „the show must go on“ nicht unbedingt unser Motto – vielmehr fühlten wir eine heilige Verpflichtung, unsere Begegnung mit dem Publikum zu ehren.

Oft probten wir tagsüber und präsentierten das Material am Abend als „Work in Progress“. Manchmal arbeiteten wir jahrelang an einer einzigen Produktion und überlebten dank Tourneen mit älteren Stücken. So lange an einem Stück zu arbeiten, konnte tatsächlich ermüdend sein; die Proben waren manchmal quälend, doch diese öffentlichen Präsentationen waren stets voller Enthusiasmus – selbst dann, wenn das winzige Publikum unsere mangelnde Relevanz zu verurteilen schien. Damals verstand ich, dass unabhängig von der Anzahl der Menschen im Saal das Publikum – als Zeuge – dem Theater Sinn und Leben verleiht.

Es ist wie das Schild in einer Spielhalle: „DU MUSST ANWESEND SEIN, UM ZU GEWINNEN.“ Die gemeinsam erlebte, in Echtzeit stattfindende Erfahrung eines kreativen Aktes – der zwar inszeniert und kalkuliert sein kann, aber immer anders ist – bleibt die unbestreitbare Stärke des Theaters. Sozial und politisch war Theater noch nie so wichtig für die Art und Weise, wie wir uns selbst und die Welt, in der wir leben, verstehen.

„Der Elefant im Raum“ sind die neuen Technologien und die sozialen Netzwerke. Sie versprechen Verbindung, doch in Wirklichkeit scheinen sie uns fragmentiert und voneinander isoliert zu haben. Ich benutze meinen Computer täglich, auch wenn ich keine sozialen Medien habe; ich habe mich selbst gegoogelt und KI um Informationen gebeten. Doch man müsste blind sein, um nicht zu sehen, wie der menschliche Kontakt Gefahr läuft, durch unsere Beziehung zu Bildschirmen ersetzt zu werden. Obwohl uns die Technologie dient, bleibt das tiefere Problem bestehen: Wir wissen nicht mehr, wer sich am anderen Ende der Leitung befindet, und das trägt zu einer Krise von Wahrheit und Realität bei. Das Internet kann Fragen aufwerfen, doch selten gelingt es ihm, jenes Staunen einzufangen, das das Theater hervorruft – ein Staunen, das aus Aufmerksamkeit, Engagement und der spontanen Gemeinschaft derjenigen entsteht, die sich in einem Kreis von Aktion und Reaktion versammeln.

Als Schauspieler und Theatermacher bleibe ich ein überzeugter Anhänger seiner Kraft. In einer Welt, die immer gespaltener, kontrollierter und gewalttätiger wird, besteht unsere Herausforderung darin, nicht zuzulassen, dass das Theater korrumpiert wird: weder zu einem bloßen kommerziellen Geschäft, das Unterhaltung durch Ablenkung bietet, noch zu einer verstaubten Institution, die lediglich Traditionen bewahrt. Stattdessen müssen wir seine Kraft nähren, Menschen, Gemeinschaften und Kulturen miteinander zu verbinden – und vor allem seine Fähigkeit, zu fragen: Wohin gehen wir?

Wahres Theater stellt die Art und Weise, wie wir denken, in Frage und ermutigt uns, uns vorzustellen, was wir zu werden hoffen. Wir sind soziale Wesen, biologisch darauf ausgelegt, mit der Welt zu interagieren. Jeder Sinn ist ein Tor zu einer Begegnung, und durch diese Begegnung definieren wir uns selbst klarer. Durch Geschichte, Ästhetik, Sprache, Bewegung und Szenografie – Theater als Gesamtkunstwerk – kann uns helfen zu sehen, was gewesen ist, was ist und vor allem, was unsere Welt werden könnte.

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Willem Dafoe – Kurzbiografie

Willem Dafoe, derzeit Künstlerischer Leiter der Theatersparte der La Biennale di Venezia, war eines der Gründungsmitglieder der legendären Truppe The Wooster Group. Am Performing Garage in New York tätig zwischen 1977 und 2004, legte die Gruppe den Grundstein für einen revolutionären Ansatz im Avantgarde-Theater.

Seine Theaterkarriere setzte sich durch bedeutende Zusammenarbeit mit Visionären wie Bob Wilson, Marina Abramović, Richard Foreman und Romeo Castellucci fort. Anfang der 1980er Jahre gab Dafoe sein Filmdebüt und wurde schnell international gefeiert für seine bemerkenswerte Vielseitigkeit, mit der er mühelos zwischen Independent-Produktionen und kommerziellen Erfolgen wechselte.

Seine herausragenden Leistungen brachten ihm vier Oscar-Nominierungen sowie den renommierten Coppa Volpi als bester Schauspieler bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig im Jahr 2018 ein. Trotz seines großen Erfolgs auf der Leinwand bleibt seine Hingabe zum Theater die zentrale Säule, die seine künstlerische Vision und interpretatorische Strenge prägt.



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